Jagd ist Verantwortung für Wild und Lebensraum

Österreich braucht die Jagd

Ein Artikel von Univ.-Prof. Dr. Klaus Hackländer (OÖ Jäger Nr. 157, Dezember 2017)

Es ist schon bemerkenswert: Die Jagd findet regelmäßig ihren Weg in die Medien, nicht nur jetzt im Herbst, wenn wieder vermehrt in Berg und Tal mit Büchse oder Flinte dem Wild nachgestellt wird, und auch, obwohl die meisten Österreicher wenig mit dem Weidwerk vertraut sind. Erst kürzlich wurde beispielsweise in der „Presse“ wieder diskutiert, ob nicht auch die Rückkehrer von Luchs, Bär und Wolf unsere heimischen Wildtiere regulieren könnten.

Auch wenn nur 1,5 Prozent der Bevölkerung in Österreich selbst auf die Jagd gehen, lassen die jagdlichen Themen nur wenige kalt. Nach wie vor stellt die Bevölkerung nicht in Frage, dass wir in unserer Kulturlandschaft Wildtiere „managen“ müssen. Wie allgemein bekannt ist, gibt es Arten, die durch die Form der Landnutzung des Menschen profitieren und in ihrem Bestand zunehmen. Dies führt zu Konflikten zwischen Wildtieren und Menschen, nicht nur in der Land- und Forstwirtschaft, sondern auch bei Gartenbesitzern, Anglern oder auch Fußballvereinen (wenn nämlich die Wildschweine vor dem wichtigen Heimspiel das Spielfeld umgewühlt haben).

Andererseits gibt es auch Wildtiere, die in unserer Kulturlandschaft auf der Verliererseite stehen. Lebensraumverlust führt zu ausgedünnten Populationen und in der Folge lokal zum Aussterben. Hier helfen Schutzgebiete nur zum Teil. Wirksamer Naturschutz findet schließlich auf der Fläche statt. Jägerinnen und Jäger sind an einem intakten, artenreichen Lebensraum interessiert und hegen ihre Reviere. Ohne Jäger gäbe es weniger Tümpel, Hecken oder Brachflächen. Die Jagd, sofern sie nachhaltig durchgeführt wird, erhält also die viel beschworene Biodiversität, sie mindert Konflikte in der Kulturlandschaft und – so ganz nebenbei – führt sie auch zu einem köstlichen, gesunden und ethisch hochstehenden Lebensmittel, dem Wildbret.

Soll die Jagd abgeschafft werden?

Trotz dieser positiven Aspekte der Jagd ertönt immer öfter der Ruf nach Jagdverbot, vor allen von Gruppen, die für Tierrechte eintreten und für den wohlschmeckenden Hirschschinken nicht empfänglich sind. Wagen wir einmal das Gedankenspiel: Was passiert, wenn die Jagd, so wie sie in Österreich gesetzlich geregelt ist, verboten wird? Sollte die Jagd abgeschafft werden, kollabiert das Ökosystem jedenfalls nicht. Es ändert jedoch seine Gestalt. Arten, die reguliert werden müssen, vermehren sich noch mehr. Jene, die gehegt werden sollten, verschwinden ganz. Ein neues ökologisches Gleichgewicht stellt sich ein, aber es ist zu bezweifeln, ob sich dieses mit der Art und Weise, wie wir unsere natürlichen Ressourcen nutzen wollen, in Einklang zu bringen ist.

Österreich ist so wenig Wildnis wie die Niederlande für Hochgebirgstouren geeignet ist. Wir leben in einer vom Menschen geformten, unnatürlichen Kulturlandschaft. Die Tiere und Pflanzen in ihrer Vielfalt und Häufigkeit sind das Ergebnis unserer Landnutzung. In dieser künstlichen Welt müssen wir Tiere regulieren, selbst wenn die Jagd abgelehnt wird. Auch in den österreichischen Nationalparks wird noch gejagt, man nennt es eben nur Wildtiermanagement. Im Schweizer Kanton Genf, in dem die Jagd durch zahlende Jäger per Volksentscheid 1974 abgelehnt wurde, gibt es jetzt eine Jagd durch bezahlte Wildhüter. Jährlich werden 150 bis 200 Stück Schwarzwild geschossen, sehr effizient, aber ohne Rücksicht auf Tierrechte und auf Kosten der Steuerzahler.

Jagdgegner versuchen auch den Export von Jagdtrophäen aus Afrika zu unterbinden. In einer neokolonialen Art möchten also Europäer und US-Amerikaner den afrikanischen Staaten vorschreiben, wie sie mit ihren wildlebenden Tieren umzugehen haben. Dabei hat die Jagd auf Büffel und anderes Großwild diesen Tieren erst ihre Existenzberechtigung gesichert. Die lokalen Stämme bekommen durch Abschussgebühren wichtige Einnahmen zu Erhaltung ihrer eigenen Existenz und damit Anreize für die Erhaltung von Arten, die ansonsten lediglich als Schädlinge für die Ernte bzw. als gefährlich für Nutztiere eingestuft werden. Durch die Jagd erhalten viele Wildtiere einen besonderen Schutz, Wildhüter werden zur Abwehr von Wilderei eingesetzt, Felder und Vieh können durch teure Zäune oder Pferche geschützt werden. Während in Kenia die Wildtierpopulationen zwischen 1977 (Beginn des Jagdverbots) und 2016 durchschnittlich um 68 % schrumpften, erhöhte sich im gleichen Zeitraum die Zahl der (bejagbaren) Breitmaulnashörner in Südafrika ausgehend von ca. 2.000 Tieren um 900 %.

Management ist unumgänglich – Nachhaltigkeit ist wichtig

Egal ob Genf, Kenia oder Österreich: Es braucht ein Management der Wildtiere, um diese zu kontrollieren oder zu schützen. Die Jagd kann auch in Österreich wertvolle Dienste leisten, findet sie doch flächendeckend statt und ist gesetzlich geregelt. Voraussetzung für ihren positiven Effekt ist jedoch die Beachtung der Nachhaltigkeit, also die Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Prinzipien. Jagd muss ökologisch sinnvoll sein und darf zum Beispiel nicht gefährdete Populationen bedrohen, Jagd muss ökonomisch sein und auch in Zeiten einer Finanzkrise noch Sinn machen. Und nicht zuletzt muss die Jagd soziokulturell angepasst sein und in der Gesellschaft Akzeptanz finden. Dazu haben Experten Prinzipien, Kriterien und Indikatoren entwickelt, mit denen die Nachhaltigkeit evaluiert und dokumentiert werden kann. International ist dieses Konzept schon seit Jahrzehnten in Naturschutzkreisen anerkannt. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN hat festgehalten, dass die Jagd, sofern sie nachhaltig durchgeführt wird, einen wesentlichen Beitrag zum Artenschutz leisten kann.

Offensichtlich ist dieses Prinzip noch nicht bei allen angekommen: bei manchen Naturschutzverbänden nicht, bei manchen Weidmännern nicht, aber auch noch nicht bei allen Verantwortlichen in Politik und Verwaltung. Hier bedarf es der Aufklärung der Gesellschaft und auch der Achtsamkeit innerhalb der Jägerschaft. Nicht nachhaltige Tätigkeiten sollten aus dem Katalog der Jagdpraktiken verbannt werden. Und in den Medien fehlt eine sachliche Auseinandersetzung mit der Jagd. Wir brauchen mehr Fakten und weniger Emotion, mehr Argumente und weniger Effekthascherei. Sicher, dies ist ein schwieriges Unterfangen, schließlich geht es auch um das Töten von Tieren und um den Umgang mit Feuerwaffen. Unser aller Ziel muss es aber sein, in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft so viel wie möglich Biodiversität zu erhalten und gleichzeitig die Nutzung der natürlichen Ressourcen so gut wie möglich zu optimieren.

Die Jagd ist gut beraten, ihren wertvollen Beitrag für die Gesellschaft zu kommunizieren. Die Bevölkerung auf der anderen Seite zeigt Weitblick, wenn sie auch weiterhin die nachhaltige Jagd als einen wichtigen Partner bei der oben genannten Zielerreichung wertschätzt.

Dr. Klaus Hackländer ist Universitätsprofessor für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien. Er beschäftigt sich in Forschung und Lehre mit dem Management von Wildtieren und ist in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien als Experte aktiv, u.a. Vizepräsident der Division Angewandte Wissenschaften im Internationalen Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC), Kuratoriumsmitglied der Deutschen Wildtier Stiftung und wissenschaftlicher Beirat im WWF Österreich. Eine Jagdkarte besitzt er nicht.

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