Jagd ist Verantwortung für Wild und Lebensraum

Verbiss- und Fraßspuren erkennen und unterscheiden

Wer war´s? - Ein Artikel von Dr. Christine Miller, Quelle Oö Jäger Nr. 148

Die schlechte Nachricht zuerst: Ja, Pflanzenfresser fressen Pflanzen – und zwar ausschließlich. Außerdem ist die Fülle an Pflanzenfressern, vom kleinen Insekt bis zum großen Rothirsch schier unüberschaubar, vor allem in vielfältigen und artenreichen Lebensräumen wie den heimischen Wäldern. Wann und wo die Folgen der Nahrungsaufnahme durch Pflanzenfresser deutlich werden, wann sie finanzielle Spuren für den Land- und Forstwirt hinterlassen, ist nicht einfach eine Frage der Zahl der Tiere. Heute weiß man vielmehr, dass Pflanzenfresser einen wichtigen Platz im Ökosystem Wald haben und wir an vielen Schrauben drehen müssen, um ihren Einfluss zu steuern und in erträglichen Grenzen zu halten.

Triebe, Knospen und Rinde von Bäumen und Sträuchern bieten vor allem im Winter eine reichhaltige Nahrungsbasis, an die sich viele Pflanzenfresser speziell angepasst haben. Doch jeder beißt anders. Körpergröße und Gebiss sorgen für erkennbare Unterschiede beim Verbiss.

 

Nagetiere am Buffet

Die Größe ist nicht entscheidend! Dieser Grundsatz gilt auch beim Verbiss. Obwohl von kleiner Statur überwiegt das Gewicht der kleinen Pflanzenfresser im Wald das der großen Wildtiere um ein Vielfaches. Mäuse, Eichhörnchen, Bilche und Hasen, sie alle können mit scharfen Schneidezähnen im Ober- und Unterkiefer mehr oder weniger charakteristische Bissspuren mit scharfen Schnittkanten erzeugen. Dabei sind die Spuren von Kleinsäugern nicht nur am Boden zu finden. Mit Ausnahme der Hasen können sie klettern und auch im Gipfelbereich Knospen und Triebe verbeißen und Rinde ringeln und schälen.

 

Bei der eindeutigen Zuordnung von Verbiss hilft ein Blick durch das Mikroskop: Die kleinen Nagezähne von Mäusen erzeugen eine unregelmäßig geformte, breite Nageflächen, die von Weitem wie der Biss eines Reh-Äsers ausschaut. Typisch Maus sind jedoch die kleinen, etwa ein Millimeter breiten, parallel liegenden Furchen an der Schnittfläche. In Versuchsflächen der Schweizer Wald-Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf waren bei bis zu 80 Prozent der verbissenen Tannen Mäuse die Verursacher. Je härter das Holz der betroffenen Pflanze, desto eindeutiger lässt sich Mäuse- und Schalenwildverbiss voneinander unterscheiden. Bei weichem Holz und im Sommer ist das meist nicht möglich. Hier muss nach weiteren Indizien für den Verursacher gefahndet werden: Nagespuren an der Rinde, Mäusespuren in der Umgebung der Pflanze. Auch unregelmäßig geneigte Nagespuren an einer Pflanze deuten eher auf das Werk der Kleinsäuger hin.

 

Finden sich unter einem Baum Unmengen von abgebissenen Triebspitzen, waren vermutlich Eichhörnchen am Werk. Die kleinen Allesfresser sind auch im Winter aktiv und ziehen sich nur bei äußerst ungünstigen Bedingungen zu kurzen Ruhephasen zurück. Trotz seiner Schneidezähne verursacht auch das Eichhörnchen fransige Bissränder, die meist Schalenwild zugeordnet werden. Doch die Höhe des Verbiss´ – gerne werden Wipfeltriebe genommen – und die verräterischen Spuren am Boden deuten auf das Werk von Hörnchen hin.

Auch die Schläfer, Sieben-, Baum- und Gartenschläfer sowie die Haselmaus verbeißen Forstpflanzen und nagen Rinde. Für Haselmäuse, die dünne Triebe oft spiralförmig ringeln, wurden von Forstbehörden früher Fangprämien gezahlt.

 

Hasen verursachen einen regelmäßigen, präzisen „Schnitt“ durch den Trieb. Auffallend ist der sehr gleichmäßige Schnittwinkel von etwa 45 Grad. Wenn die Hasen vorschriftsmäßig mit den Schneidezähnen zubeißen. Doch sie können Zweige auch mit den Backenzähnen erfassen und abzwicken. In diesem Fall entstehen unregelmäßige Bissflächen mit fransigen, gequetschten Rändern, die sich leicht mit Schalenwildverbiss verwechseln lassen. Am sichersten erkennt man Hasenverbiss an der „Begleiterscheinung“ seiner Nahrungsaufnahme: den häufig abgesetzten Kotpillen. Auch die Beschaffenheit des Holzes, ob hart oder weich, im Saft oder trocken, spielen eine wichtige Rolle für das Biss-Bild. Übrigens schmeckt dem Hasen und dem Kaninchen auch die Rinde. Bei guter Schneelage kann der leichte Hase auch in einiger Stammhöhe empfindliche Schälschäden verursachen.

 

Baumnadeln gehören zur winterlichen Nahrungsgrundlage von Auer-, Birk und Haselwild. Mit ihren scharfrandigem Schnabel knipsen sie ebenso geschickt Zweige und Triebspitzen ab, wie Hasen. Am sichersten für die Zuordnung dieser Fraßspuren ist auch hier ein Blick auf Fußabdrücke am Boden und das in der Nähe abgesetzte „Gestüber“ der Hühner.

 

Die Großen Drei

Die großen Wiederkäuer-Wildarten, Rotwild, Rehwild und Gams werden am häufigsten mit Verbiss und Waldschäden in Verbindung gebracht. Der Jungwuchs des Waldes ist Teil ihres Speiseplanes, mal mehr, mal weniger im Laufe eines Jahres. Jede Art hat eigene Nahrungs-Zusammenstellung: Rotwild bevorzugt große Portionen Gräser im Speiseplan, Rehwild zupft selektiv energiereiche und leicht verdauliche Kräuter, Blätter und Knospen. Gams verhalten sich im Sommer eher selektiv, stehen dann aber auch gerne auf ungestörten Freiflächen, im Winter reduzieren sie wie die anderen Arten ihren Nahrungsbedarf und füllen in ruhigen, sonnigen Einständen ihren Pansen mit Gräsern und Grünäsung.

 

Da die Wildwiederkäuer nur Schneidezähne im Unterkiefer besitzen, die die Nahrung an die harte Gaumenplatte im Oberkiefer drücken, sind die Bissspuren von Rot-, Reh- und Gamswild leicht zu erkennen: typisch, die ausgefransten Ränder. Der Zweig wird an einem Ende angebissen und dann abgerissen. Der Winkel der Bissfläche liegt meist rechtwinkelig, quer zur Längsachse. Doch auch hier verändert sich das Bild je nach der Struktur des Holzes. Und Rot-, Reh- oder Gamswild beißt ebenso gelegentlich mit den Backenzähnen zu. Dann entstehen wieder Bissspuren, ähnlich denen von Hasen oder Kaninchen.

 

Rotwild-Schäle lässt sich im Winter gut zuordnen, wenn die Spur der breiten Schneidezähne am Unterrand der Schälfläche sichtbar wird und die Schälung von unten nach oben oder schräg zum Stamm erfolgt. Hasen, Kaninchen und Nagetiere können in alle Richtungen, gerne auch quer zum Stamm, schälen. Im Sommer weist die Länge der Rindenstreifen auf das Werk eines kraftvollen, großen Tieres hin – sofern kein fallender Baum bei der Holzarbeit stehende Stämme ähnlich beschädigt hat. Auch Schlag- und Fegespuren durch das Hirschgeweih sind deutlich zuzuordnen. Rehböcke bevorzugen Gelände- und Vegetationsgrenzen um durch Fegen ihr Revier abzugrenzen. In Gewässernähe sollte man jedoch auch immer prüfen, ob vielleicht ein Biber Rindenstreifen abgenagt und gefressen haben könnte.

 

Wehrhafte Nahrung

Keine Pflanze will gerne gefressen werden. Da sich aber jeder Baum oder Strauch, jedes Kraut oder Gras unserer Landschaft seit Jahrmillionen im Angesichts des Feindes entwickelt hat, haben Pflanzen ein vielfältiges Waffenarsenal entwickelt, um sich gegen den Angriff der Pflanzenfresser zu wehren. Gräser haben ihren Wachstumspunkt in Bodennähe gesenkt, so dass er nur von Spezialisten mit langer spitzer Zunge abgeknipst werden kann. Dornen, Stacheln, spitze und harte Blattformen und Nadeln verderben einem weichen Maul den Appetit. Viele Insekten und Nicht-Wiederkäuer werden mit giftigen Inhaltsstoffen in Schach gehalten. Den Nebeneffekt dieser Verteidigungsstrategie nutzen wir gerne als Heil- und Duftstoffe.

Bei einigen Bäumen wie Birken und Tannen bewirkt der Verbiss, dass zusätzlich Bitterstoffe in die Blätter und Nadeln eingelagert werden. Die Pflanze macht sich ungenießbarer. Und immer wieder können bei manchen Arten betroffene Pflanzen Warnstoffe ausstoßen, die die Nachbarpflanzen dazu veranlassen sich besser gegen Verbiss zu rüsten.

Und schließlich versuchen einige Arten durch rasches Wachstum und üppige Verjüngung in der „Masse“ zu starkem Verbiss zu entkommen. Als Alternative arrangieren sich einige Bäume, wie zum Beispiel die Tanne, und schicken beim Verlust des Zentraltriebes sofort einen Seitentrieb ins Rennen, um die Pflanze schnell aus dem Zugriff eines hungrigen Mauls zu befördern. Innerhalb von zwei Jahren können sie die verlorenen Gipfel vollständig ersetzen. In der Natur ist kein Mitspieler wirklich wehrlos.

 

Verbiss ist nicht sofort Schaden

Durch jahrelange Forschungen, zum Beispiel an der schweizerischen WSL oder an der Forsttechnischen Fakultät der Universität Ljubljana, weiß man heute, dass Schalenwild-Verbiss an Bäumen keine Einbahnstraße ist. Das jeweilige Umfeld der verbissenen Pflanzen entscheidet, wie sich die Gesamt-Verjüngung entwickelt. Vor allem im gleichförmigen Hochwald sind zum Beispiel Jungtannen extrem Verbiss anfällig. Deutliche Unterschiede zeigen sich auf reich strukturierten Standorten, doch bieten gerade hier die Wälder auch bei der Anwesenheit mehrerer Schalenwildarten Nischen für die Verjüngung – auch der Tanne.

 

Eindeutige Zuordnungen von Verbissbildern zu entsprechenden Waldbewohnern sind nur im Idealfall möglich. Genauer Blick auf die Bissflächen, auch mit der Lupe und eine Untersuchung des Gesamtumfeldes sind ebenso wichtig. Und schließlich sollte auch ein Blick zurück erfolgen. Denn Rückeschäden an jungen Pflanzen können Verbissschäden oft täuschend ähnlich sehen. Ebenso können durch Hagelschlag Zweige und Triebe abgerissen werden. Auch muss geklärt werden, ob Weidevieh Zugang zu den betroffenen Flächen hat, oder Erkrankungen und Pilzbefall für Nadelverluste und verkümmerte oder abgestorbene Triebspitzen verantwortlich sind. Zu guter Letzt sollte man bei „Leittriebverbiss“ in Dickungen auch an die Kanten von Tourenskiern oder Schneeschuhen denken.

 

 

Tipp: Das praxisgerechte Nachschlagebuch zum „Richtigen Erkennen von Wildschäden am Wald“ von Fritz und Susanne Reimoser ist in der Geschäftsstelle des OÖ Landesjagdverbandes oder in unserem Online-Shop erhältlich.

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