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Nötig und sinnvoll - auch bei der Jagd!
Zur Sicherheit macht man ein paar Probeschüsse im Revier. Die Frage nach einem Gehörschutz wird locker übergangen. Man konzentriert sich auf die Scheibe, und mit lautem Knall ist die Kugel aus dem Lauf. Die eigenen Ohren „vergessen“ diese kurze Lärmexposition leider nie – der Schaden ist meist irreparabel.
Dr. med. Stephan Schneider & Hans-Friedemann Zedka
 

 


Schüsseltrieb nach einem Sauriegler – man ist zufrieden. Selbst hat man mit einer eleganten Dublette zwei Überläufer erlegt. Stimmengewirr durchzieht die Gaststube. Bereits zum dritten Mal wiederholt das schon leicht genervte Gegenüber seine Jagderlebnisse – doch trotz Nachfragens hat man die Hälfte wieder nicht verstanden und reagiert nur noch mit einem freundlichen Lächeln und Kopfnicken. Auch zu Hause reklamiert die Gattin oft, der Fernseher sei viel zu laut eingestellt, sodass die Nachbarn sich bereits darüber beschwert hätten. Aufgefallen ist es einem selbst auch schon bei der letzten Geschäftssitzung: „Die reden alle so undeutlich und leise.“
Gewissheit bringt dann erst der Hörtest beim Ohrenarzt. Man sitzt in der Hörkabine und drückt selbstbewusst bei jedem Ton im rechten Ohr drauflos. Dann das linke Ohr – die ersten Frequenzen sind noch einfach, doch dann schaut einen die Praxisassistentin des HNO-Arztes mit fordernden Blicken an. Erst auf die Frage des HNO-Arztes beim Gespräch „Sind sie Jäger?“, dämmert es einem. Man hat einen Gehörschaden und benötigt ein Hörgerät, um das Defizit zu kompensieren.


Risikogruppe Jäger

Die Sportschützen gehören wie die grüne Zunft zur Risikogruppe der Gehörgeschädigten. Auf den Schießplätzen hat sich der Gehörschutz durchgesetzt, mit wenigen Ausnahmen zu 100 %. Wenn jemand „vergisst“, dann meist ein Jäger beim Einschießen seines Jagdgewehrs: „… sind ja nur ein paar Schüsse.“ Noch in den 1970er Jahren war bei Schießwettbewerben die Verwendung von Gehörschützern untersagt. Es könnte sein, dass es damals nicht um den Schutz des Gehörs ging, sondern man sich Vorteile irgendwelcher anderen Art versprach. Heute ist ein Gehörschutz gleichsam Vorschrift, ebenso wie in manchen Ländern ein Augenschutz.
Wieso glauben wir Jäger, dass das Schießen mit unseren großkalibrigen Waffen für das Gehör harmlos ist? Ein einziger kleinkalibriger Kugelschuss, wie z. B. beim Ansitz, muss nicht unbedingt sofort zu einem Schaden führen. Entscheidend sind hier die Schussanzahl und die Ruhepausen zwischen den Schüssen. Eine Schrotdublette bei einer Treibjagd genügt aber bereits oft, um einen Schaden nachzuweisen. „Die Menge macht das Gift“, sagte bereits Paracelsus. So führen Dauerlärmbelastungen über 85 Dezibel (Maßeinheit für den Schalldruckpegel; abgekürzt dB) zu Beeinträchtigungen. Ein Schussknall liegt je nach Kaliber bei über 130 dB!

Schäden im Innenohr sind irreparabel, das heißt, die verlorene Hörleistung erhält der Geschädigte nie wieder zurück.


Jeder von uns Jägern kennt das unangenehme Pfeifen im Ohr nach einem Schuss. In der Fachsprache nennt das der HNO-Arzt Tinnitus (Tinnitus aurium: Klingeln der Ohren). Meistens verschwindet dieses unangenehme Pfeifen oder Rauschen bald wieder. Also, Glück gehabt? Mitnichten: der Summton ist ein Zeichen dafür, dass das Innenohr Schaden genommen hat.
Der typische Lärmschaden findet sich im Frequenzbereich zwischen 3.000 und 6.000 Hertz (Schwingungen pro Sekunde; abgekürzt Hz). Die Hörnerven im Innenohr sind dem Schalldruck in diesen Frequenzen besonders ausgesetzt. Und genau in diesen Frequenzen sind die Sprachverständlichkeit und die Wortschärfe von eminenter Bedeutung. Dies ist auch der Grund, wieso der Geschädigte bei Umgebungslärm sein Gegenüber zwar irgendetwas murmeln hört, aber nicht mehr klar und deutlich versteht.


Wie kann man sich schützen?

Zum Schutz vor Gehörschäden sind verschiedenste Produkte auf dem Markt. Selbstverständlich gibt es große Unterschiede – nicht nur in deren Wirksamkeit, sondern auch in Sachen Praxistauglichkeit und Preis. Jeder einfache Schutz ist besser als gar kein Schutz. Wie in vielen Dingen des täglichen Lebens gibt es auch beim Gehörschutz ein gewisses Mindestmaß und den Idealfall. Vergleichbar ist dies am besten mit dem Kopfschutz beim Motorradfahren. Ein Sturzhelm um € 40,– hilft kaum, hingegen gibt es Spezialhelme mit hoher Schutzwirkung, die allerdings auch jenseits der € 600,– kosten.


Passiver Gehörschutz

 

Gehörschutzpfropfen aus Dehnschaumstoff: Meist von einfacher Form und auch mit unterschiedlichen Qualitäten im Aufquellverhalten. Da alle Typen aus Dehnschaumstoff vor dem Einsetzen in den Gehörgang zusammengerollt werden müssen, eignen sie sich nicht für Benutzer, die schmutzige Hände haben. Kosten ab etwa € 1,–. Fertig geformte Gehörschutzpfropfen sind in der Regel für den mehrmaligen Gebrauch vorgesehen. Das Hauptmerkmal der fertig geformten Gehörschutzpfropfen ist, dass sie sofort ohne vorherige Formgebung in den Gehörgang eingesetzt werden können. Erhältlich auch mit Bügel bzw. mit Band. Geeignet auch bei schmutzigen Händen. Kosten etwa € 2,– bis € 7,–.

 

Otoplastik-Gehörschutz (individuell gefertigtes Ohr-Formpass-Stück): Dabei wird vom Fachmann für jeden einzelnen Gehörgang eine individuelle Form angefertigt. Wichtig sind eine qualitativ hochwertige Anpassung und eine gute und dichte Passform. Eine Nachkontrolle der Dichtheit ist nach zwei Jahren angebracht. Einige Produkte sind mit einer speziellen Bohrung versehen, die ein nachträgliches Auswechseln des eingebauten Filters ermöglicht und so eine Anpassung der gewünschten oder erforderlichen Schalldämmung erlaubt. Außerdem werden der Druckausgleich zwischen dem abgeschlossenen Gehörgang und der äußeren Umgebung sowie die Belüftung des Gehörgangs ermöglicht. Kosten etwa € 100,– bis € 200,–.

 

Kapselgehörschutz: Zwei mehr oder weniger leichte Kapseln umschließen die Ohren. Kosten von etwa € 19,– bis € 60,–. Bereits ab 50 dB werden Geräusche auch über den Knochen an das Innenohr weitergeleitet und nicht mehr nur über das Trommelfell. Ein Kapselgehörschutz hat also deshalb eine höhere Dämmleistung, weil er gerade auch Teile des Schädelknochens um das Ohr wirksam abschirmt.

 

 


Aktiver Gehörschutz

  • Kapselgehörschutz, elektronisch: Mit einer elektroakustischen Ausrüstung mit pegelabhängiger Dämmung können schwache Signale verstärkt werden. Mit zunehmender Lautstärke der Signale und Geräusche nimmt dabei die Verstärkung ab. Der am Ohr wirksame Schalldruckpegel wird in der Regel auf höchstens 84 dB begrenzt. Bei Knallereignissen wird die Verstärkung sofort zurückgeregelt, zudem verhindert die Dimensionierung der Elektronik ein Übertragen hoher Lärmspitzen. Kosten etwa € 100,– bis € 500,–. Schaumstoffpfropfen, geformte Pfropfen und maßgefertige Gehörpfropfen haben alle einen entscheidenden Nachteil bei der Jagd: Man hört die Umgebungsgeräusche nicht und somit das Wild nicht anwechseln. Bei den aktiven Kapselgehörschützern sieht dies natürlich bereits besser aus. Nur scheitert die Praxistauglichkeit oft an Größe und eingeschränktem Tragekomfort. Viele Schützen stoßen auch beim Schießen mit dem Schaft an die Kapsel oder können den geliebten Jagdhut nicht mehr tragen. Oder kann man sich einen Hochgebirgsjäger vorstellen, der mit Kapseln auf über 2.500 Meter aufsteigt, um einen Gams zu erlegen?

  • Otoplastik-Gehörschutz mit elektronischer Lärmdämmung: Zum Schutz des Gehörs und zur Sicherheit sollten solche angepassten aktiven Gehörschützer während jeder Riegel-/Treibjagd getragen werden. Und selbst beim Birschen oder beim Ansitz bleibt, wenn wir ehrlich sind, meist genügend Zeit, einen solchen Gehörschutz einzusetzen. Allen ist eines gemeinsam: Sie sind klein, leicht und gelten als lärmpegelabhängiger, elektronischer Gehörschutz.


Gute Qualität ist besser!
 
Als international aktiver Jäger und Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten stelle ich an einen praxistauglichen Gehörschutz folgende Grundanforderungen:

  • hohe Schalldämmung und damit hoher Schutz vor Lärmschäden
  • gute Mikrofonqualität und Verstärkung (Riegeljagd)
  • akzeptables Gewicht und Größe (Gebirgsjagd)
  • körpernahe Trageweise für die sofortige Einsetzbarkeit (Zeitfaktor)
  • hoher Tragekomfort (Ganztagsjagd)
  • geringer Batterieverbrauch und einfacher Batteriewechsel
  • Ersatzteilservice (Hygiene)
  • internationale Zertifizierung
  • akzeptables Preis-Leistungs-Verhältnis


Viele Erzeuger haben auf diese Anforderungen entsprechend reagiert. Der Markt wird in den nächsten Jahren sicherlich weitere Geräte präsentieren, dem technischen Fortschritt sind hier keine Grenzen gesetzt. Man denke nur, was wir heute bereits alles mit unseren geliebt-gehassten Mobiltelefonen anstellen können. Die Zukunft liegt definitiv in Kombigeräten: Gehörschutz – Funk – Hörgerät – Mobiltelefon-Bluetooth-Koppelung.
Subjektiv gesehen verbindet das Modell Serenity DP der Schweizer Firma Phonak, erhältlich bei der Firma Neuroth, Praxistauglichkeit und Tragekomfort ziemlich perfekt, ein eventueller Nachteil ist seine Größe. An sich etwas gewöhnungsbedürftig ist die Verstärkung der Umgebungsgeräusche, insbesondere bei Wind und Regen. Hier bewährt sich der Windschutz für das Mikrofon. Die individuell angepassten Ohrschalen (deutlich links/rechts gekennzeichnet) ermöglichen eine lange Tragedauer, die Halskordel macht ein Verlieren unmöglich, die handelsübliche AAA-Batterie läuft sparsam an die 500 Betriebsstunden, das Ein- und Ausschalten erfolgt mittels eines Drehknopfes, die Lautstärkeeinstellung mittels Druckknöpfen am Gerät.

Egal für welches Gerät man sich entscheidet, unbedingt sind die Dämmwerte und die Zertifizierung EN 352 (Europäische Norm für Gehörschutz) sowie das CE-Zeichen (Produkt entspricht den EU-Produktsicherheitsrichtlinien) mit einzubeziehen. Für viele mag ein derartiger Gehörschutz teuer erscheinen, aber alle Skeptiker sollten unbedingt zwei Tatsachen bedenken: Wir geben Unsummen für unsere Ausrüstung aus und selten etwas für den eigenen Schutz. Ein Hörgerät im Alter (die Altersgrenze verschiebt sich immer mehr nach unten!) kostet ein Vielfaches. Es mag für viele nicht gerade attraktiv sein, mit einem Gehörschutz bei einer Riegeljagd zu stehen oder auf einer Kanzel zu sitzen – aber zählt hier nicht einzig und allein das Jagderlebnis und nicht das eigene Aussehen?
Welches Produkt der Jäger auch wählen wird: Wichtig sind Praxistauglichkeit und Dämmeigenschaften, um auch in Zukunft an Gesprächen während des Schüsseltriebs und auch privat aktiv teilnehmen zu können. Denn ein gehörgeschädigter Jäger hat weder Freude in der Gesellschaft noch auf der Jagd, wenn sich das Wild leise neben ihm vorbeidrückt ...


Fachliche Beratung erhält man bei HNO-Ärzten und Akustikfirmen. –
Die Otoplastik-Gehörschützer wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Firma Neuroth: www.neuroth.at

Dr. med. Stephan Schneider ist Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten, Thun, Schweiz.
Hans-Friedemann Zedka ist Chefredakteur der Jagdzeitschrift WEIDWERK, Wien





Schallpegel-Tabelle: Ein Sprung von 10 Dezibel entspricht in der Realität einer Verdopplung des Schalldruckpegels (110 dB ergeben also doppelt so viel wie 100 dB)
Tabelle Firmen: Auswahl von am Markt erhältlichen Gehörschützern für Jagd und Schießsport mit Prüfsiegel EN 352 CE (alle Angaben laut Katalog- und Herstellerangaben in Österreich); Zeichenerklärung: ms = Millisekunde; dB = Dezibel; SNR = Single Number Rating-Dämmwert

icon Gehörschutz Schallpegeltabelle (17.28 kB)