Jagd ist Verantwortung für Wild und Lebensraum

Rotwild und der Wolf

Der Wolf wird in (Ober)österreichs Kulturlandschaft durchaus kritisch betrachtet und der OÖ Landesjagdverband spricht sich entschieden dafür aus, bei der Diskussion über den Wolf die realistischen Bedingungen der schrumpfenden und von Freizeitnutzern „überlaufenen“ Lebensräume der Wildtiere zu berücksichtigen. Auch das Fehlen des ursprünglichen Lebensraumes und das dadurch geänderte Verhalten in der „modernen Welt“ muss bedacht werden

Im Anschluss lesen Sie – durchaus kritisch – den Beitrag von Dr. Helmuth Wölfel zum Thema Wolf und Rotwild, den er im Zuge eines Co-Referates mit Johannes Schwarzenberg vor steirischen Jägern verfasst hat.

Gedanken zu einem aktuellen, heißen und heiklen Thema

Wie versucht wird, Rothirsch, Reh, Wildschwein und Gams artgerecht zu betrachten und zu bejagen, so kann und sollte auch der Zuzug von Wolf, Bär und Luchs differenziert beurteilt werden. Auch wenn viele Kollegen aus dem Bereich „Wildbiologie und Jagdkunde“ über die nachstehenden Aussagen zum Wolf „aufheulen“ werden, sehe ich die österreichische Kulturlandschaft als Lebensraum des Wolfes leider nur mehr als sehr bedingt tauglich an.

Natürlich ist der Wolf ein faszinierendes Wildtier, das, wie viele Orts- und Flurnamen zeigen, bei uns allgegenwärtig war. Zugegeben, wurde der Wolf als Konkurrent gnadenlos verfolgt und landesweit ausgerottet. Unverzeihlich sind die vielen Grausamkeiten, die diesem Wildtier fälschlich nachgesagt und angedichtet wurde und dies wider besseres Wissen auch heute noch getan wird. Ich habe mich immer in Wolfsregionen besonders wohl gefühlt und bevorzugt dort, auch mit der Familie,  Urlaub gemacht. In den vielen Jahren ist es mir leider nur zweimal gelungen, einen Wolf in freier Wildbahn zu beobachten. Welch Erlebnis! Die ganze Wahrheit ist aber, dass es sich dabei jeweils um Regionen handelte, in denen es oft kilometerweit kaum  Zivilisation gab. Erfahrungen von Wolfkennern weisen darauf hin, dass für Schalenwild schon die Anwesenheit des Wolfes ausreicht, Wolfsterritorien zu  verlassen oder diese zu meiden, selbst wenn es in seinem Lebensraum vom Wolf kaum verfolgt wird.

Wir dürfen davon ausgehen, dass um ein Wolfsgeheck etwa 200 bis 300 ha Wald aus Respekt praktisch frei von Schalenwild bleibt. Schön für einen Besitzer von mehr als 10.000 ha Wald: der sollte dort schnell Sonderkulturen pflanzen, er kann auf Zäunung verzichten. So macht das russische Sprichwort Sinn: „Wo der Wolf jagt, wächst der Wald“.
Wie aber wird ein Jagdpächter mit 300 oder auch 500 ha Pachtfläche über den Wolf denken und auf ihn reagieren? Was wird aus den vielen, durch Fütterung „künstlich beatmeten“ Rotwildgebieten? Wollen wir wirklich auf alle gefütterten Wildbestände zugunsten des Wolfes verzichten? Der Wolf als Standwild würde wohl auch das Ende der Wintergatter bedeuten: Einsprünge funktionieren auch für ihn, der Jagderfolg wäre ihm garantiert.

Die landwirtschaftlichen Bereiche, besonders die freie Schafhaltung (ohne menschliche Aufsicht im Gebirge), die Almbeweidung durch Rinder und die Mutterkuhhaltung will ich hier nicht näher besprechen, sie dürften aber den wesentlichen Teil einer Wolfsdebatte ausmachen.
Niemand sollte aber gleich in Panik verfallen, wenn einmal ein „Durchzügler“, sei es als „Jungwolf auf Freiersfüßen“ oder als „Ausgestoßener“ oder ein „Anschluss Suchender“ unser Revier durchstreift. Sicher gibt es auch in Österreich noch Lebensräume für den Wolf als Standwild, in denen er und der Mensch gemeinsam leben und Gefallen aneinander finden können. Man darf davon ausgehen, dass der Wolf sich als so genannter Kulturfolger ursprünglich uns angeschlossen hat, von uns dann durch gezielte Zuchtwahl zum Haustier geformt wurde. Dies geschah lange vor der Haustierwerdung unserer Nahrungsgaranten Rind, Schaf, Ziege und Schwein. Wir haben bestimmte Jagdfähigkeiten des Wolfes gewollt durch Zucht verstärkt und fixiert und so den Wolf vom Konkurrenten zum jagdlichen Helfer gemacht. Alle beim Jagdgebrauchshund nun zum Teil sogar verstärkt vorhandenen Fähigkeiten, wie der Spurlaut, das Vorstehen, das Behüten etc., sind bei der wilden Stammform Wolf natürlich, wenn auch dosierter und differenzierter eingesetzt, in der Anlage bereits vorhanden. Alle unsere Haushunde stammen nachweislich vom Wolf ab, alle sind, egal welche Rasse, gleichermaßen nah mit ihm verwandt. Das sieht man einem Dackel nicht unbedingt an, genotypisch ist er genauso wölfisch wie ein Weimaraner. Frei nach Konrad Lorenz könnte man sagen, der Mensch hat sich aus dem Wolf durch züchterische Einriffe für die Jagd die „Geruchsprothese“ Hund geformt. Lorenz hatte auch erkannt, dass das Auftreten von Hängeohren, Ringelschwanz und von Vielfarbigkeit (Wildtiere „tragen Uniform“) häufig Haustiermerkmale darstellen können und, dass Haustiere physisch zwar erwachsen und fähig zur Reproduktion werden, psychisch aber weitgehend infantil, also kindlich, bleiben. Wolfswelpen und Hundewelpen haben bis zur Pubertät ein weitgehend identisches Verhaltensrepertoire. Beide zeigen z.B. ihren Müttern durch „in die Hacken beißen“ an, etwas von ihnen zu wollen. Ab der Geschlechtsreife des Jungwolfes verschwindet diese Bettelgeste. Erwachsene Hunde aber zerren ihre menschlichen Partner weiterhin am Hosenbein, am Pantoffel oder Rockzipfel, wenn sie etwas haben wollen (Spiel, Gassigehen, Futter etc.). Diese psychische Infantilität von Haustieren bis ins Alter macht uns den Umgang mit ihnen möglich, bei Wildtieren wird enger Kontakt nach der Pubertät der Zöglinge meist kritisch. Der Angriff eines Wellensittichs (noch weitgehend Wildtier) auf den Finger, die Nase oder das Ohrläppchen des Menschen mag uns ja noch erheitern, Attacken eines Rehbockes,  Rothirsches, Bären oder Wolfes in Gehegen oder gar aus Handaufzucht empfinden wir aber sicher nicht mehr als harmlos oder lustig.

Die genannten Verhaltensdifferenzen, aber auch Messungen zu den Proportionen der Gehirnmasse (Volumenverlagerung vom Kleinhirn zum Großhirn) zeigen, dass einige noch zu den Wildtieren gerechnete Arten wie Damhirsch und Fasan, zumindest „auf dem Weg zum Haustier“ sind. Europäische Mufflons aber dürften bereits vor etwa 10.000 Jahren in Anatolien domestiziert und schon als urtümliche Haustierrasse von Kleinasien nach Europa gekommen sein. Erst dann wurden sie von Seefahrern auf Mittelmeerinseln (Korsika, Sardinien etc.) als lebende Fleischreserven ausgesetzt. Verwilderte Haustiere können genauso scheu und heimlich sein wie ihre wilden Stammformen und auch entsprechend schwierig zu bejagen sein. Eine so genannte „Rückzüchtung“ gibt es aus genetischer Sicht nicht, ein Haustier bleibt genotypisch immer ein Haustier. Die Evolution kennt keinen Rückwärtsgang. Das Aussehen von Haustieren können wir zwar durch Zuchtwahl wieder der wilden Stammform angleichen, der Schäferhund hat wieder Stehohren und eine gerade Rute erhalten, er ist aber nicht wölfischer als ein Spaniel mit Hängeohren oder Mischling mit Ringelschwanz. Ein Irrglaube ist auch, durch die  Kreuzung Wolf mit Hund wieder stärkere, schärfere oder besonders fähige, robuste Gebrauchshunde zu erhalten. Versuche dazu zeigten eigentlich das Gegenteil. Die „Puwos“, eine am Institut für Haustierkunde in Kiel herbeigeführte Kreuzung aus Pudel mit Wolf, waren weder Hund noch Wolf, sie wurden als wesensschwache, verhaltensgestörte, bedauerliche Tiere beschrieben. Übrigens haben wir fast nur aus sozial lebenden Wildtieren Haustiere formen können. Wohl deshalb blieb die Domestikation in der Familie der Hirsche auf das Ren beschränkt. Die nicht gerade sehr soziale Katze gibt Rätsel auf, sie hält sich auch eher den Menschen als umgekehrt.
Es ist wohl ein Mitverdienst der Jagd, dass wir von fast allen Haustieren noch die wilden Stammformen in freier Wildbahn haben. Diese große Verantwortung bleibt der Jagd erhalten. Zukünftig und hoffentlich in geregelter Form, wohl auch wieder gegenüber den großen Beutegreifern.

Doch zurück zum Wolf, dem Rotwild und den Menschen in ihrem gemeinsamen Lebensraum. Da beim Rotwild der Gesichtssinn zu Feinderkennung und der Feindvermeidung sicher die größte Rolle spielt, reagiert Rotwild auf überschaubaren Flächen (Almen, lichte Althölzer, Zirbenzone, Parklandschaften) selbst bei Wolfsichtungen nicht panisch, sondern besonnen. Dazu gibt es genügend Beobachtungen und Berichte. Günter Tembrock, der große deutsche Verhaltensforscher formuliert so treffend wie gut verständlich: „Nicht die Maus, die vor dem Feind flüchtet hat Angst und gerät in Panik, sondern jene, die an der Flucht gehindert wird.“ Man stelle sich also einen Wolf im Wintergatter vor.
In der RWBG wurde auf Wintergatter verzichtet und in der Kulturlandschaft mit großen Wirtschaftswäldern mit Erfolg ein für diesen Lebensraum besonders ausgeklügeltes wie sensibles Fütterungssystem entwickelt, mit dem man das Rotwild zur Schadensvermeidung über dem Wirtschaftswald in der Zirbenzone zu halten versucht. Die Rechnung ging vorerst auch auf. Wie Johannes zu Schwarzenberg schilderte und mit Zahlen belegte, dürfte das System selbst in diesem für die Art besonders geeigneten Lebensraum nur bis zu einer Rotwilddichte von maximal fünf bis sechs Stück/100 ha funktionieren. Diese Dichte ist aber gegenwärtig nach eigenen Angaben etwa doppelt so hoch. Somit ist das Rotwild auch mit noch so ausgeklügelten Strategien nicht von unzumutbarer Fraßeinwirkung (Schaden) auf den Wirtschaftswald abzuhalten, auch ohne Wolfsvorkommen nicht. Hier muss die Jagd erst einmal ihre Hausaufgabe machen, vorzugsweise durch verstärkten Einsatz der Wolfattrappe Hund bei Stöberjagden. Mit ausschließlichen Ansitzjagden wird man hier den Rotwildbestand wohl nicht mehr in den Griff bekommen.
Gerade die Jagdgebrauchshunde zeigen uns deutlich, welchen Respekt Schalenwild vor dem Wolf hat. Während selbst eine Rehgeiß den Wildhund Fuchs in die Flucht schlägt und aus ihrem Territorium vertreibt, flüchtet dieselbe Geiß aber vor dem kleineren Dackel. Fuchsgroße Terrier bringen wehrhafte Wildschweine wie auch vergleichsweise mächtige, starke Hirsche in Bewegung. Der Respekt vor dem Wolf verliert auch beim Hund nicht seine Wirkung!

Bei Vorhandensein des Wolfes als Standwild halte ich für jene Reviere, die mit Winterfütterungen arbeiten und so ein Binden örtlich stabiler Rotwildbestände an diese für illusorisch. Ungefüttert könnte der Lebensraum inklusiv Wirtschaftswald  vielleicht zwei bis drei Stück Rotwild pro 100 ha verkraften.

Zieht man dann noch den Beuteanteil des Wolfes ab, müsste die Jagd hier als zusätzlicher Wirtschaftsfaktor wohl vergessen werden.
Durchziehende Wölfe sollten aber interessiert betrachtet und ehrlich bewertet werden. Gelassenheit statt Panikmache ist angesagt. Sicher wird auch eine positive Ausstrahlung dieses Perfektionsjägers stattfinden, die Faszination wird auf so manchen Jagdfreund überspringen. Dass dies bei Schafbauern auch gelingt, wage ich zu bezweifeln. Doch das ist eine andere „Baustelle“, sie ist zu groß für diesen Artikel.

Wichtig für den Wolf und für uns Menschen wird sein, die Lebensräume Österreichs von gleichrangigen, objektiven Fachleuten aller Betroffenen auf „Wolfstauglichkeit“ zu kartieren. Dies sollte natürlich unter Einbeziehung von Angaben und Berichten der Nachbarländer geschehen. Ich bin sicher, dass wir in unserem Land Kerngebiete, Streifgebiete und Freizonen erhalten werden. Dabei bleibt abzuwarten, ob zum Beispiel nicht Regionen nahe unserer Landeshauptstadt Wien als wolfstauglicher einzustufen sind als so mancher Wirtschaftswald des ländlichen Raumes. Selbst ein Teil des Stadtgebietes von Wien ist als Steifgebiet des Wolfes nicht auszuschließen, ist doch die Lobau Teil des Nationalparks Donauauen.
Letztlich bin ich überzeugt davon, dass der Wolf für sein Überleben in der Kulturlandschaft Österreichs vorzugsweise im Jagdgesetz angesiedelt werden sollte.
Mit dem Braunbären haben wir schon mehr Erfahrung, geeignete Lebensräume sind angedacht und kartiert. Auch haben die Jagd und der Naturschutz hier schon aus Fehlern gelernt. Gerne erinnere ich mich an Gespräche mit slowenischen Jägern, die wohl mehrheitlich den Bären als positive Bereicherung der Wildbahn sehen. Schalenwildbestände regulieren wird er Braunbär ganz sicher nicht; außer in Wintergattern. Diese sind mit frei lebenden Braunbären wohl auch kaum vereinbar.

Bleibt zu Komplettierung noch der Luchs zu erwähnen. Wer meint, diese herrliche Katze würde einen Einfluss auf die Regulierung von Schalenwild haben, freut sich zu früh (Waldbauern) oder fürchtet sich umsonst (Jäger). Das Verhalten von Reh, Hirsch und Gams wird sich lokal vielleicht ändern. Überhaupt nicht umgehen mit Luchsen können Mufflons, besonders die Widder. Ich habe selbst so einen Macho gesehen, der sich der Katze mit gesenkten Schnecken stellte. Geradezu eine Einladung für den Luchs, es ging alles sehr perfekt und schnell.
winterfuetterung

Wintergatter: Der große deutsche Verhaltensforscher Günter Tembrock formuliert so treffend wie gut verständlich: „Nicht die Maus, die vor dem Feind flüchtet hat Angst und gerät in Panik, sondern jene, die an der Flucht gehindert wird.“ Man stelle sich also einen Wolf im Wintergatter vor.

wolftritt

Wolfsfährte: Niemand sollte gleich in Panik verfallen, wenn einmal ein „Durchzügler“, sei es als „Jungwolf auf Freiersfüßen“ oder als „Ausgestoßener“ oder ein „Anschluss Suchender“ unser Revier durchstreift.

Text: Dr. Helmuth Wölfel
Fotos: Ch. Böck, B. Haudum, Gary Kramer (U.S. Fish Wildlife Service)

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