Jagd ist Verantwortung für Wild und Lebensraum

Schalenwildjagd – bleifrei

Die Verwendung von bleifreien Büchsengeschoßen bietet die Chance die Akzeptanz für heimisches Wildbret zu steigern und das Image der Jagd zu verbessern.

Diese Chance sollten wir in Österreich rasch ergreifen, auch wenn von mancher Seite Skepsis herrscht, weil die neuesten Erkenntnisse noch nicht allgemein verbreitet sind.

Umfassende Praxistests von Büchsengeschoßen haben in den letzten Jahren die Spreu vom Weizen getrennt. Anhand von praxisgerechten Prüfkriterien und nachvollziehbaren Wirkungs-Anforderungen (betreffend Ballistik und Jagdpraxis) wurden bleihaltige und bleifreie Geschoße objektiv getestet und miteinander verglichen (Gremse/Rieger 2014). Bei einigen qualitativ hochwertigen bleifreien Geschoßen ist die Wirkung hervorragend und manche „Kinderkrankheiten“ früherer Jahre sind überwunden (z.B. bezüglich Tötungswirkung, Reichweite, Ausschuss, Wildbret-Zerstörung oder Beeinträchtigung der Waffe).

Diese Ergebnisse wurden im Rahmen von zwei Symposien im März 2013 und 2014 am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin eingehend diskutiert. Im Rahmen dieser Veranstaltungen wurde auch klar gestellt, dass bei den üblichen geringen Verzehrmengen von Wildbret (bei Durchschnittskonsumenten weniger als 1 kg pro Jahr) eine gesundheitliche Gefährdung durch Blei im Wildbret nicht gegeben ist. Für Extremverzehrer hingegen (vor allem Jäger und Personen in Jägerhaushalten) ist es jedenfalls empfehlenswert, Wildbret ohne Bleikontamination zu konsumieren. Zur Vermeidung einer Gefährdung von Greifvögeln ist es ebenfalls wichtig, dass aus Büchsenpatronen keine Bleisplitter ins Wildbret gelangen.

Von den mittlerweile zahlreichen am Markt befindlichen bleifreien Büchsengeschoßen weisen einige eine hervorragende Wirkung im Hinblick auf tierschutzgerechte Erlegung von Schalenwild auf – vereinzelt sogar bessere Wirkung als bleihaltige Geschoße. Das wurde im Rahmen umfassender Praxistests in Deutschland (Erleger-Protokolle von mehr als 11.000 Stück Schalenwild) und in ausgewählten ÖBf-Revieren (bisher rd. 860 Erleger-Protokolle, primär aus den Nationalparken) objektiv dokumentiert und von der FH Eberswalde auch experimentell untersucht. Betreffend Sicherheit im Jagdbetrieb sind bleifreie Geschoße den bleihaltigen Geschoßen gleichwertig.

Die wesentlichen zielballistischen Qualitätsmerkmale hinsichtlich tierschutzgerechter Tötung werden bisher auf Patronenschachteln – egal ob bleihaltig oder bleifrei – nicht ersichtlich gemacht. Deshalb ist der Konsument vorerst noch auf konkrete Empfehlungen qualitativ hochwertiger bleifreier Produkte angewiesen, die auf Grund ihrer Konstruktionsmerkmale ausreichend Energie im Wildkörper rasch abgeben (mindestens 1500 Joule auf den ersten 15 cm) und entsprechende Tiefenleistung für einen verlässlichen Ausschuss aufweisen. Hinweise dazu sind in der Studie von Rieger/Gremse (2014) der FH Eberswalde enthalten.

Es wird wohl notwendig sein, auf die Vertretung des Fachhandels zuzugehen, um die Skepsis gegenüber bleifreien Büchsengeschoßen abzubauen und künftig eine ausreichende Lieferbarkeit qualitativ hochwertiger Produkte samt fachgerechter Beratung beim Patronen-Einkauf gewährleisten zu können.

Aus fleischhygienischer Sicht ist zu empfehlen, im Sinne des vorsorglichen Verbraucherschutzes auf stark splitternde Geschoße (Zerlegungsgeschoße) zu verzichten und für die Schalenwildjagd primär massestabile Deformationsgeschoße zu verwenden, die eine ausreichende Wirkung haben (tierschutzgerechte, rasche Tötung). Davon gibt es derzeit am Markt bereits einige, die sich in umfassenden Praxistests, die von wissenschaftlichen Institutionen geleitet und ausgewertet worden sind, bestens bewährt haben. Diese Praxistests wurden außerdem experimentell bestätigt (in der Studie von Gremse/Rieger 2014). Die empfehlenswerten Deformationsgeschoße sind bereits in zahlreichen Kalibern lieferbar und haben neben der guten Tötungswirkung auf übliche Schussdistanzen auch eine sehr geringe Splitterwirkung.

Diese Ergebnisse wurden mit der höchsten bisher wissenschaftlich untersuchten Stichprobe abgesichert und sind somit wesentlich aussagekräftiger als z.B. Ergebnisse von firmenspezifischen Tests ohne unabhängige Prüfung und als diverse individuelle Erfahrungen von Einzelpersonen nach einer überschaubaren Anzahl von Abschüssen (oft höchstens im zweistelligen Bereich; bisweilen mit nur bedingt geeigneten oder ungeeigneten bleifreien Geschoßen oder bei extremen Schussdistanzen über 250 m).

Beim Umstellen (Umschießen) von Jagdwaffen von einer Munitionssorte auf eine andere (bleihaltig oder bleifrei) ist grundsätzlich folgende Vorgangsweise zu empfehlen:

• Den Lauf vorweg trocken durchziehen (chemische Grundreinigung nicht zweckmäßig)

• Mindestens zwei Fünfergruppen mit neuer Laborierung schießen, ob ausreichende Präzision gegeben ist (bei nicht optimaler Präzision besser noch weitere Fünfergruppen, wenn sich die Präzision sukzessive bessert). Sobald die Waffe gut schießt, ist damit alles erledigt.

Wenn die Schusspräzision unzureichend bleiben sollte, folgende zwei Dinge prüfen:

1. Übergangskegel prüfen oder prüfen lassen (Büchsenmacher; z.B. mit AOL-Gauge); wenn der Übergangskegel zu lang und damit der rotationslose Geschoßweg größer ist als rund 5 mm, sind vorhandene Präzisionsprobleme wahrscheinlich dadurch ausgelöst.

Erläuterung dazu: Der rotationslose Geschoßweg soll möglichst kurz sein, d.h. kurzer Übergangs-Kegel zwischen Patronenlager und Lauf. Je länger der „Freiflug“ des Geschoßes, desto wahrscheinlicher ist eine unpräzise Schussleistung, vor allem wenn der Kegel auch weit ist und das Geschoß stark stromlinienförmig. Das Geschoß soll möglichst bald von den Zügen geführt werden, sobald es die Patronenhülse verlässt. Bei zu langem Übergangskegel: längere, stumpfere Geschoßkonstruktion wählen und neuerlich testen. Wenn keine optimale Präzision erreichbar ist, könnte es auch an der Drall-Länge liegen.

2. Drall-Länge: Wenn es in dem getesteten Kaliber auch andere Geschoßgewichte gibt, dann anderes Geschoßgewicht testen. Sofern dieses mit der Drall-Länge harmoniert, ist das Problem gelöst (grundsätzlicher Hinweis für den Neukauf von Waffen: für jedes Kaliber jeweils möglichst kurzen Drall bevorzugen).

Hinweis: Bei jedem Wechsel zwischen Geschoßmantelmaterial sollen 1-3 Kontrollschüsse abgegeben werden, um festzustellen, ob eine chemische Zwischenreinigung mit erneutem Einschießen notwendig ist (Materialgruppen der Geschoß-Oberfläche sind: Reinkupfer, nickelbeschichtet, kunststoffbeschichtet, Messing/Bronze, Tombak). Mittlerweile sind bereits ungiftige, unbrennbare, geruchsneutrale, biologisch abbaubare Reinigungsmittel verfügbar. Munitions-Wechsel ist also keine Hexerei!

Zwei Internet-Hinweise auf aktuelle Forschungsergebnisse:

„Alle(s) Wild?“, Bundesinstitut für Risikobewertung Berlin, Tagungsband 2013: http://www.bfr.bund.de/cm/350/alles-wild-bfr-symposium-zu-forschungsvorhaben-zum-thema-wildbret-tagungsband.pdf

„Wild – Gut erlegt?“, Bundesinstitut für Risikobewertung Berlin, Präsentationen 2014: http://www.bfr.bund.de/de/veranstaltung/bmel___bfr_symposium_wild___gut_erlegt_-189291.html

 

Ein Artikel von Univ.-Prof. Dr. Klaus Hackländer – Universität für Bodenkultur, Dr. Friedrich Völk – Österreichische Bundesforste, Univ.-Prof. Dr. Peter Paulsen – Veterinärmedizinische Universität Wien und Dr. Ernst Albrich – Landesjägermeister von Vorarlberg

 

 

 

 

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