Jagd ist Verantwortung für Wild und Lebensraum

Wildtier-Lebensraum-Alpen

Ohne Menschenhand weniger Artenvielfalt?

Zu den landwirtschaftlichen Veränderungen in den Alpen, also das Zuwachsen von Alm-Flächen, kommt für verschiedene Wildtierarten wie Birkhuhn, Schneehuhn sowie Gams- und Steinwild, die sich im Laufe ihrer Evolution sehr gut an das Leben in alpinen Lagen angepasst haben, noch ein Problem hinzu.

Denn die Lebensräume der hauptsächlich über der Waldgrenze oder eben auf künstlichen Offenflächen, also Almen, lebenden und an diese Biotope angepassten Tierarten, die Teil

dieses Ökosystems sind, könnten sich aufgrund einer Erwärmung im Zuge des Klimawandels deutlich verringern. Nämlich dann, wenn die Waldgrenze ansteigt.

Jakob Schaumberger, Joanneum Research Forschungsgesellschaft mbH, und Mag. Christopher Böck, Wildbiologe und Fachgruppenvorsitzender der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Grünland und Futterbau, hinterfragen, ob der Mensch die Artenvielfalt in diesen Regionen steuern kann.



In einer Studie wurde nun als Grundlage für die Ermittlung der Veränderungen die Temperaturentwicklung der vergangenen 50 Jahre genauer betrachtet sowie anhand eines regionalen Klimamodells eine Abschätzung für die zukünftige Erwärmung vorgenommen. Vergangene und zukünftige Temperaturentwicklungen wurden für ganz Österreich untersucht.

Eine mögliche Veränderung der Waldgrenze und damit der Habitate für Wildtiere wurde für ein Gebiet in den Niederen Tauern untersucht.
Die Temperaturentwicklung in den vergangenen 50 Jahren zeigt für die ersten zwei Dekaden eine Abkühlung, seit 1970 aber einen starken Anstieg. Das vom verwendeten Klimamodell abgeleitete Szenario lässt für die nächsten 50 Jahre eine Erwärmung von etwa 2,2°C für das Untersuchungsgebiet in den Niederen Tauern erwarten.

Die Waldgrenze ist sehr stark von der Temperatur abhängig wobei die Wachstumsgrenze von Bäumen nach Literaturangaben eng mit der 10°C Juli Isotherme zusammenhängt. Temperaturmittelwerte für die ganze Wachstumsperiode liefern jedoch bessere Ergebnisse als für einzelne Monate. Eine Analyse ergab, dass sich die Isotherme der Wachstumsperiode mit 6,9°C im betrachteten Gebiet der 10°C Juli Isotherme bestmöglich annähert. Die Abweichungen zwischen diesen Isothermen sind gering.

Im Folgenden wurde daher mit der Temperatur der Wachstumsperiode gearbeitet.

Abbildung 2: 6,9°C Mai-Oktober Isothermen der Dekade 1990 bis 2000 und der Dekade 2040 bis 2050 mit kartierten Waldflächen aus dem Projekt „Großflächige Inventur des Natura 2000 Gebietes Niedere Tauern“  von GALLAUN et al. (2006), Joanneum Research
Aus dem Klimamodell errechnete sich für die nächsten 50 Jahre im Untersuchungsgebiet der Niederen Tauern ein Anstieg der relevanten Isothermen um circa 450 Höhenmeter. Die vorausgesagten Temperaturveränderungen hängen jedoch sehr stark vom verwendeten Klimamodell ab.

Über die Geschwindigkeit, mit der sich die Waldgrenze zur temperaturbedingten Wachstumsgrenze bewegt, kann aufgrund der vorliegenden Ergebnisse ohne weitere Forschungsarbeiten keine Aussage getroffen werden. Die Bewirtschaftung durch den Menschen übt ebenfalls einen sehr großen Einfluss auf den Verlauf der Waldgrenze aus. Wenn weitere Almflächen nicht mehr genutzt werden, so kann der Verlust von Lebensraum noch gravierender voranschreiten. Es ist daher noch nicht absehbar, wie sich die Waldgrenze tatsächlich verändern wird.

Dem Niederschlag wird in den Niederen Tauern eine geringere Bedeutung beigemessen, da er hier keinen limitierenden Faktor darstellt.
Temperaturbedingte Veränderungen der Waldgrenze gab es in der Geschichte der letzten 8.000 Jahre immer wieder, wie Untersuchungen von Baumringen bewiesen haben. So befand sich die Waldgrenze in den Alpen im Postglazial schon einmal auf einer Höhe, in welche sich die Waldgrenze wieder hinbewegen könnte.
Geht man jedoch davon aus, dass die Verschiebung der Isotherme zwar verzögert, aber doch auch einer Verschiebung der Waldgrenze entspricht, so stellt sich die Frage, was dies für die Habitate der alpinen Wildtierarten bedeutet. Dazu wurden mittels Geographischem Informationssystem (GIS) nach einem wissensbasierten Habitatmodell relevante Parameter für die Ermittlung der aktuellen Lebensräume aus einem Digitalen Höhenmodell, sowie der Landbedeckung abgeleitet und bewertet.

Unter der Annahme, dass die zukünftige Waldgrenze die Höhe der berechneten Isotherme für die Dekade 2040 bis 2050 zu einem zukünftigen Zeitpunkt erreicht, führt diese Verschiebung der Waldgrenze zu einem dramatischen Verlust an Lebensraum.

Aktuelle und zukünftige Habitateignung für Schneehuhn unter Annahme des Ansteigens der Waldgrenze aufgrund Klimaerwärmung (Klimamodell MM5).

Durch GIS-gestützte Simulation des Ansteigens der Waldgrenze können die errechneten Veränderungen der Lebensräume flächenhaft dargestellt und quantifiziert werden.

Die angeführten vier Wildtierarten können auch als sehr empfindliche Indikatoren zum Nachweis der negativen Lebensraumveränderungen durch den Anstieg der Waldgrenze infolge der Klimaveränderung verstanden werden. In ähnlicher Weise sind jedoch auch eine Reihe weiterer Tier- und Pflanzenarten alpiner Habitate betroffen.

Die Lebensräume für alle vier untersuchten Wildtierarten verringern sich unter den oben angeführten Annahmen und Modellergebnissen erheblich, insbesondere das Schneehuhn verliert seinen Lebensraum fast vollständig. Infolgedessen ist mit einer Auflösung derzeit vorhandener Teilpopulationen, erhöhter Krankheitsanfälligkeit in suboptimalen Lebensräumen, sowie erhöhter Anfälligkeit gegenüber Beutegreifern wegen verringerter Übersichtlichkeit des Geländes bei Zunahme der Vegetation zu rechnen.

Die Klimaveränderung – unabhängig, ob diese durch Menschenhand verursacht oder beschleunigt wird – ist nicht aufzuhalten, die Erhaltung der Kulturlandschaft im alpinen Raum kann aber Garant dafür sein, dass Lebensräume „aus zweiter Hand“ die Rettung für manche Wildtierarten bedeutet.

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