Erfolgreiche Wiederbewaldung

Nach den Windwürfen und Borkenkäferschäden braucht es die Zusammenarbeit von Waldbesitzern und Jägern.

Ein Artikel von Dipl.-Forsting. Wolf-Dietrich Schlemper, Landwirtschaftkammer Oö, Quelle: OÖ Jäger Nr. 158

Stürme und Borkenkäfer des Jahres 2017 haben in vielen Wäldern unseres Bundeslandes Blößen und aufgelichtete Bestände hinterlassen. Die notwendigen Frühjahrsaufforstungen auf diesen Schadflächen werden häufig mit den Forstberatern vor Ort geplant. Viele Waldbesitzer befürchten Verbiss- und Fegeschäden in ihren Aufforstungen.

Aus der Sicht des Rehwildes und des Jägers

Klar ist, dass die Flächen wiederbewaldet werden müssen. Klar ist aber den meisten Jägern wie Waldbesitzen nicht, dass die neue Ausgangssituation für das Rehwild sehr gute Lebensraumbedingungen schafft. Hierzu muss man wissen, was das Rehwild braucht. Es braucht gute Nahrung, ausreichend Wärme (Klimaschutz), ausreichend Deckung (Feindschutz) und einiges mehr.  Randlinien – also wechselnde waldbauliche Struktur (hell-dunkel) kommen dem Rehwild optimal in seinem Verhalten entgegen. Die neu entstandenen Verhältnisse begünstigen die Tierart. Das Rehwild ist ein Drücker- und Schlüpfer-Typ. Es versucht weite Fluchten zu vermeiden. Es versucht sich sicher zu fühlen, sodass es Äsen, Wiederkauen und gleichzeitig Sonne tanken kann. Randlinien, wie sie im Übermaß durch den Käfer und den Sturm entstanden sind, kommen dem Rehwild derartig entgegen, dass es wahrscheinlich mit verkleinerten Territorien und mit einer verstärkten Reproduktion darauf reagiert. Unter normalen Bedingungen bekommt die Geiß meistens zwei Kitze, wobei das zweite Kitz nicht immer überlebt. Unter sehr guten Bedingungen ist auch mit Drillingen, zumindest bei der Geburt zu rechnen. Für Drillinge ausreichend Milch zu haben, ist eher selten der Fall. Wenn es zu Drillingen kommt, werden höchstwahrscheinlich nur zwei Kitze überleben. Die geänderten Lebensraumbedingungen werden vielerorts zwei gesunde Kitze mit sich bringen, denn die gute Äsung für die Milch ist vorhanden.

Der Rehwildbestand in einem Revier, das heißt, die Rehwilddichte (wie viele Rehe leben in meinem Revier), ist in erster Linie vom Lebensraum abhängig. Die Rehwilddichte wird durch den Zuwachs, die Sterblichkeit und die Ab- bzw. Zuwanderung bestimmt. In den Schadgebieten ist höchstwahrscheinlich mit einem höheren Zuwachs, einer geringeren „natürlichen“ Sterblichkeit (ohne Büchse, Auto und Co) und einer Zuwanderung zu rechnen. Sprich, es befindet sich höchstwahrscheinlich mehr Rehwild auf der Fläche, als vor den Kalamitätsergeignissen (Wind und Käfer).  Das Rehwild wird schon im heurigen Jahr, aber vor allem in den kommenden Jahren, auf die veränderten Lebensraumbedingungen reagieren.

Die Folgen sind absehbar: Die Streckenergebnisse beim Rehwild werden viel schneller erreicht und der Wildeinfluss kann trotzdem über ein untragbares Maß hinausgehen. Auch die Fallwildzahlen könnten steigen. Es ist einfach mehr da, dies bedeutet auch, dass mehr abgeschöpft, also erlegt werden kann.

Ein „Hinterherrennen“ von unerreichbaren Abschussplänen wäre fehl am Platz. Die Weichen müssen heuer beim Abschuss gestellt werden. Im Jahr 2018 muss vermehrt weibliches Wild erlegt werden. Es ist nicht unbedingt immer notwendig, mehr Rehwild zu schießen, aber es müssen mehr Zuwachsträger erlegt werden. Derzeit haben wir die bekannte Drittelregelung. Ein männliches Rehwild, ein weibliches Rehwild und ein Kitz; so verteilt sich der Abschuss. Dies ist auch prinzipiell der richtige Weg. Aufgrund der veränderten Situation aber nicht immer zielführend. Jetzt müssen unter Umständen mehr weibliche Rehe erlegt werden, um aufgrund des Zuwachses mindestens in der Dichte gleich zu bleiben. Veränderte waldbauliche Situationen verlangen eben auch veränderte jagdliche Strategien.

 

Aus der Sicht des Waldbauers

Die von Wind und Käfern geschaffenen Freiflächen müssen einerseits rasch aufgeforstet werden, andererseits suchen wildlebende Tiere dort ihre Nahrung. Viele Mischbaumarten – wie Laubbäume oder Tanne – werden von Natur aus gerne verbissen, die gute Nährstoffversorgung von Pflanzen aus Forstgärten bewirkt einen zusätzlichen Verbissanreiz.

 

Wie können nun Waldbesitzer und Jäger gemeinsam zur erfolgreichen Wiederbewaldung der durch Stürme und Borkenkäfer geschädigten Waldflächen beitragen?

 

Gegenseitiges Verständnis, gemeinsame Ziele und Zusammenarbeit

Um das Aufwachsen der Aufforstungen, besonders auch der Mischbaumarten, ohne nennenswerte Beeinträchtigungen sicherzustellen, sind gegenseitiges Verständnis, rechtzeitige Abstimmungen und nicht zuletzt Zusammenarbeit zwischen Waldbewirtschaftern und Jägern notwendig. In vielen Fällen wird auf gefährdeten Flächen eine Absenkung des Wildstandes erforderlich sein. Eine umfassende Betreuung und Sicherung der aufgeforsteten Flächen bedarf aber zusätzlicher, aufeinander abgestimmter, forstlicher und jagdlicher Maßnahmen.

 

Jagdausübung

Aufforstungsflächen und deren Umgebung sind schwerpunktmäßig zu bejagen. Die jagdliche Zielsetzung ist danach auszurichten, auf diesen Flächen möglichst viele Stücke zu erlegen. Erfolgreiche Schwerpunktbejagung auf besonders gefährdeten Flächen bedeutet aber auch Zurückhaltung auf wenig gefährdeten Flächen.

Falls in begründeten Einzelfällen die im Gesetz genannten Voraussetzungen vorliegen, kann auch von der Möglichkeit des Zwangsabschusses Gebrauch gemacht werden.

 

Standort und Futtervorlage entscheiden über den Erfolg von Fütterungen

Wildfütterungen konzentrieren das Wild auf engem Raum, die Wildschadensdisposition wird durch einen ungünstigen Standort und die Vorlage von energie- und eiweißreichen Futtermitteln erhöht.

Fütterungsstandorte in der Nähe gefährdeter Flächen sind laut Jagdgesetz verboten (vgl. §53). Ziel der Fütterung muss es sein, Rehwild von gefährdeten Flächen wegzulenken und Wildschäden zu verringern. Wenn eine Fütterung diesen Zielsetzungen nicht entspricht, hat sie ihre Aufgabe verfehlt!

 

Verhütung von Verbiss- und Fegeschäden

Schwerpunktbejagung, verbunden mit dem Einzelschutz besonders gefährdeter Mischbaumarten hat sich vielfach bewährt. Für Schutzmaßnahmen steht eine Vielzahl von Mitteln zur Verfügung, von Schafwolle und Schaffett bis zu synthetisch hergestellten Streich- und Spritzmitteln. Die Anpassung der Intensität der Schutzmaßnahmen an das jeweils erforderliche Ausmaß kann unnötige Arbeit und Kosten ersparen.

Eine rigorose Maßnahme, aber keineswegs ein Allheilmittel gegen Wildschäden, ist die Zäunung. Sie stellt einen Lebensraumverlust dar und verlagert den Verbissdruck auf andere Flächen. Wird ein Zaun nicht laufend überwacht, instandgesetzt und eingedrungenes Wild unverzüglich ausgetrieben, ist mit erheblichen Schäden innerhalb des Zaunes zu rechnen.

Aufforstungskonzepte, wie z.B. Trupp- und Nesterpflanzungen von Laubbäumen, die durch Baumschutzsäulen oder jeweils trupp- bis nestergroße Zäune geschützt werden, können gleichzeitig Lebensräume erhalten und forstliche Ziele erfolgreich umsetzen.

Baumarten die bevorzugt gefegt werden, wie z.B. Lärche oder Douglasie sollen möglichst nicht an Bestandesränder gepflanzt werden. Gerade an Randlinien fegen Rehböcke besonders gerne. Weiden- oder Pappelstecklinge können als „Blitzableiter“ eingebracht werden. Langjährige Erfahrungen haben gezeigt, dass einzeln eingebrachte, fegegefährdete Mischbaumarten, wie z.B. Lärche, Douglasie oder Ahorn, nur durch mehrjährig wirksame Fegeschutzmaßnahmen (z.B. Stachelbäume oder Baumschutzsäulen) unbeschädigt hochgebracht werden können. Um das Einwachsen in den Stamm zu verhindern, sind Stachelbäume zu entfernen, sobald die jungen Bäume der Fegegefährdung entwachsen sind.

 

Jungwuchs- und Dickungspflege sowie Durchforstung

Bei Pflegearbeiten in Jungwüchsen ist das Ausmähen oder Umtreten der behindernden Begleitvegetation auf das notwendige Ausmaß zu beschränken (nur „auskesseln“). Begleitvegetation, welche die Jungbäume nicht behindert, ist zu belassen.

Dickungspflege- und Durchforstungsarbeiten sind nicht nur aus waldbaulichen Gründen geboten, sie können auch den Verbissdruck verringern. Stammzahlverringerungen bringen ebenso wie Durchforstungen zumindest vorübergehend Licht auf den Boden, verbessern so das Äsungsangebot für das Wild und schaffen Lebensraum für Sträucher, an denen Rehböcke fegen können, ohne Schäden zu verursachen.

 

Naturverjüngung

Die Wiederbegründung stabiler und ertragreicher Wälder ist auf vielen Schadensflächen nur durch Aufforstung möglich. An dieser Stelle wird auch kurz auf die Vorteile einer rechtzeitig eingeleiteten und gepflegten Naturverjüngung hingewiesen. Naturverjüngung in standortsgemäßer Mischung kann Schäden durch Stürme und Borkenkäfer zwar nicht verhindern, aber ihre Folgen doch mildern und die Wiederbegründung deutlich erleichtern. Die Zusammenarbeit von Waldbesitzern und Jägern soll sich daher nicht auf die Aufforstung beschränken, sondern auch Förderung und Schutz naturnah gemischter Naturverjüngung umfassen.

 

Zusammenfassung

Wichtige Voraussetzungen für eine gelungene Aufforstung und ihr Aufwachsen sind gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit zwischen Waldbewirtschaftern und Jägern. Positive Beispiele aus vielen Gemeinden unseres Bundeslandes zeigen, wie es miteinander geht. Jäger unterstützen die Grundeigentümer und Grundeigentümer unterstützen die Jäger.

 

Für von Stürmen und Borkenkäfern verwüstete Wälder sind gemeinsam erstellte, jagdliche und forstliche Konzepte, die auf die Interessen und Ziele beider Seiten Rücksicht nehmen, wertvolle Hilfen bei der Begründung stabiler und ertragreicher Bestände.

Erfolgreiche Wiederbewaldung Windwürfe_Käfer
Die forstliche und jagdliche Planung Hand in Hand. Foto: LKOÖ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Geiß mit Kitz: Bei idealen Bedingungen reproduziert Rehwild sehr erfolgreich und bekommt in der Regel Zwillings- und Drillingskitze. Foto: F. Reinthaler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wildschäden Broschüre 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der OÖ Landesjagdverband und die Landwirtschaftskammer für OÖ haben eine Broschüre zur „Vermeidung von Wildschäden in Wald durch Schalenwild“ erarbeitet. Diese kann bei beiden Institutionen angefordert werden oder hier heruntergeladen werden: Broschüre Vermeidung Wildschäden (Download-Version)

 

   
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