Die Technisierung der Jagd und die Frage, wie viel Natürlichkeit ihr noch geblieben ist

Die Technisierung der Jagd und die Frage, wie viel Natürlichkeit ihr noch geblieben ist, OÖ LJV

Dr. Konstantin Börner - Von der 30. Österreichischen Jägertagung, Aigen im Ennstal, 2025

Die Sehnsucht nach Wildnis und Natürlichkeit scheint sich in unserer Gesellschaft in
den vergangenen Jahren immer starker auszuprägen. Sehr wahrscheinlich ist sie eine
Antwort auf das moderne Leben, das von einer enormen Dynamik, Stress und Überstimulation bestimmt wird. Der Ruf nach Natur und naturgemäßem Handeln geht dabei auch an Jägern nicht vorbei und es stellt sich die Frage, wie viel Wildnis es in unseren Revieren noch gibt und wie natürlich unsere Jagd heute überhaupt noch ist. Ist noch etwas Ursprüngliches übrig oder bleibt am Ende nur verklarte Träumerei?

Wildnis und Infrastruktur: räumliche Voraussetzungen
Der Mensch hat spätestens mit der letzten Eiszeit begonnen, unsere Landschaften zu
formen. Tatsachlich operieren wir heute in einer hochverdichteten Kulturlandschaft, in der Arbeiten und Leben auf engstem Raum stattfinden. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Faktor Mensch zur bestimmenden Größe des Naturhaushaltes geworden ist. Tatsächlich unbeeinflusste Lebensräume existieren schon lange nicht mehr und nicht zu Unrecht mochten einige Wissenschaftler sogar ein neues Erdzeitalter definieren – das Anthropozän.
Auf unsere Reviere heruntergebrochen, bedeutet dies, dass ein hoher Anteil an Siedlung
und Infrastruktur zu einem entsprechend hohen Zersiedlungsgrad fuhrt. Es ist festzuhalten, dass auf der Flache Österreichs täglich nach wie vor über zehn Hektar zugunsten baulicher Entwicklung irreversibel verloren gehen. Auch unsere Offenlandschaften sind intensiv durch die Hand des Menschen geprägt. Land- und Forstwirtschaft sind auf effiziente Biomasseproduktion ausgelegt. Wie produktiv diese Systeme mittlerweile geworden sind, kann ein Blick auf die Entwicklung der Weizenernte veranschaulichen.
Erntete man bei uns in der Jungsteinzeit lediglich durchschnittlich 250 kg Weizen pro
Hektar, waren es im Mittelalter bereits etwa 500 kg. Bis zum 18. Jahrhundert stieg
die Erntemenge dann auf etwa eine Tonne an. Heute werden auf der gleichen Fläche
im Schnitt sieben Tonnen geerntet. Die enorme anthropogene Überformung ist dabei
Ergebnis immenser Bevölkerungsdichten. Viele Menschen auf kleiner Fläche bewirken
einen entsprechenden Nutzungs- und Freizeitdruck. Auch die Größe unserer jagdlichen
Bewirtschaftungseinheiten ist als indirekte Folge dessen entsprechend klein. So liegt
die Größe gemeinschaftlicher Jagdgebiete bei uns im Durchschnitt bei wenigen Hundert
Hektar. Dem einzelnen Jäger bleiben noch viel kleinere Bereiche. Rein rechnerisch ergeben sich für jeden Jäger lediglich etwas mehr als 60 ha Jagdflache.

Wildnis kennt keine hohen Wildbestände
Selbstverständlich „produzieren“ unsere Kulturlandschaften „Gewinner und Verlierer“.
Viele einstige Charakterarten unserer Landschaften sind zurückgedrängt oder gänzlich
verschwunden. Andere Arten, sogenannte Ubiquisten (Spezies, die in den unterschiedlichsten Lebensraumen existieren können), hingegen profitieren von den Entwicklungen.
Die Bestände des Schwarzwildes sind so hoch wie niemals zuvor. Während in weitgehend
naturbelassenen Bereichen Dichten von lediglich 0,2 Stück pro 100 ha erreicht werden,
sind sie bei uns um ein Vielfaches hoher. Etwas Vergleichbares trifft auch für Fuchs,
Reh oder andere Arten zu. Selbst der Hase ist unter den heutigen Bedingungen kaum
schlechter gestellt, als es in seinen ursprünglichen Verbreitungsgebieten der Fall ist.
Dort stellen fünf Tiere auf 100 ha eine natürliche Dichte dar. Wildnis oder weitgehend
naturbelassene Lebensräume bedeuten also keineswegs Wildreichtum. Natürlich ist
dabei, dass sich Wildtiere in diesen Lebensraumen aufhalten dürfen, während ihnen
bei uns gewisse Lebensräume zugewiesen werden. Mit Wildnis hat das wenig zu tun.

Technik nimmt Natürlichkeit
Natürlich sollen und müssen die Wildbestände in unseren Kulturlandschaften reguliert
werden. Der Jäger ist dazu mit allen technischen Raffinessen ausgestattet. Auch in
diesem Bereich zeigt sich eine rasche Dynamik. Die Erfindung der ersten Gewehre wird
um das Jahr 1300 datiert. Die ersten Büchsen gab es etwa 200 Jahre später. Noch
unsere Großväter gingen mit einfachen Gewehren zur Jagd. Dem Jäger heute fehlt es
technisch gesehen an nichts. Wärmebildtechnik macht es möglich, rund um die Uhr zu
jagen. Die Kirrungen sind mit Funkkameras ausgerüstet, die melden, wenn Sauen vor
Ort sind. Die Kirrung kann über einen installierten Futterautomaten ferngesteuert neu
beschickt werden. Befürworter werden meinen, dass es sich um effiziente Instrumente
der Bejagung handelt, ohne die eine Populationskontrolle nicht möglich ist. Auch wenn
das möglicherweise zutrifft, mit natürlicher Jagd hat das wenig zu tun.

Was versteht man unter natürlich?
Das führt uns zu der Frage, was eine natürliche oder naturgemäße Jagd überhaupt bedeutet. Eine wirkliche Definition liegt diesbezüglich nicht vor. Jäger verfügen aber mit
der Weidgerechtigkeit schon lange über etablierte ethische Normen, die sich im Hinblick
auf Natürlichkeit überprüfen lassen. Dabei sind es drei Aspekte, die unter ethischen Gesichtspunkten hervorzuheben sind. Eine erste Säule bildet die Chance des Entkommens. Jagd ist ethisch nur dann gerechtfertigt, wenn das zu bejagende Stück eine Chance hat, dem Jager zu entgehen. Als Zweites ist die tierschutzgerechte Tötung zu nennen. Der menschliche Jäger muss alles dafür tun, um die Schmerzen des zu erlegenden Stückes so gering wie möglich zu halten bzw. gänzlich zu vermeiden. Den dritten Aspekt bildet der Muttertierschutz. Jagd ist nur dann weidgerecht, wenn sie Elterntiere, die zur Aufzucht von Jungtieren erforderlich sind, unter bedingungslosen Schutz stellt. Wenn wir die vorgenannten Dinge unter den Gesichtspunkten der Natürlichkeit betrachten, wird klar, dass unsere Jagd auch diesbezüglich wenig damit gemein hat. Der Vergleich zwischen tierischen und menschlichen Jägern verdeutlicht dies. Denn ein Raubtier tötet weder tierschutzgerecht noch unter Berücksichtigung des Muttertierschutzes. Das ist Natur und das ist natürlich. Bleibt noch die Entkommenschance. Diese ist sicher gleichermaßen bei tierischen und menschlichen Jägern gegeben. Doch mit dem oben beschriebenen technischen Fortschritt reduziert sich für das Wild diese Chance immer stärker. Moderne Technologien konnten aber auch soweit getrieben werden, dass keine Entkommenschance mehr existiert. Dann gefährdet Technik unsere Jagd in hohem Maße.
Sich dieser aber gänzlich zu verschließen, halte ich für falsch. Denn wenn es gelingt,
den technischen Vorsprung auch im Sinne des Wildtiers einzusetzen, findet er seine Berechtigung. Das bedeutet, besser anzusprechen und zu schießen und weniger zu stören. Das setzt Selbstkontrolle und Verzicht voraus.

Das verbindende Element
Wenn wir ein Resümee ziehen, dann bleibt von Wildnis und naturbelassener Jagd bei uns
nicht viel übrig. Vielleicht ist Natürlichkeit am ehesten noch auf der instinktiven Ebene
zu finden. Denn so unterschiedlich Jäger im Einzelnen sind, alle vereint der Jagdinstinkt.
Die Befriedigung dieses Instinktes ist der wahre Grund, warum wir jagen. Verhinderung
von Schaden und die Gewinnung von Wildbret sind Argumente für die Jagd. Doch wäre der Jagdinstinkt nicht so ausgeprägt, wurde niemand die Anstrengungen der Jagd auf
sich nehmen. Dieses fesselnde Glücksgefühl nach einer erfolgreichen Jagd, das sich
niemals abnutzt. Der Jagdinstinkt ist wohl das ursprünglichste und natürlichste Element,
das unserer Jagd im Hier und Jetzt noch geblieben ist.

Semmelweis-Effekt
„Unsinn – das haben wir schon immer so gemacht. „Ein Satz, den sicher schon jeder Jager einmal gehört hat. In der Wissenschaft wird mit dem sogenannten Semmelweis-Effekt beschrieben, dass Neuerungen per se zunächst abgelehnt werden. Er geht zurück auf den Wiener Arzt Ignaz Semmelweis, der als Erster gewisse Hygienestandards auf der von ihm betreuten Geburtsstation etablierte. Von seinen Kollegen wurde er zu Lebzeiten dafür belachelt, obwohl nachweisbar war, dass unter seinen Maßnahmen deutlich weniger werdende Mutter verstarben. Aus jagdlicher Sicht bleibt daraus die Erkenntnis: Befasse dich mit neuen Entwicklungen, ohne vorschnell auf Bewährtes zu verzichten.

Zum Autor
Dr. Konstantin Börner, Department of Ecological Dynamics, Leibniz Institut for Zoo and Wildlife Research (IZW) Forschungsverbund Berlin e.V., Alfred-Kowalke-Straße 17, 10315 Berlin
E-Mail: boerner@izw-berlin.de

Der Beitrag erschien im Tagungsband der 30. Österreichische Jägertagung unter dem Motto „Wild und Lebensraum – ein Blick in die Zukunft“ am 6. und 7. März 2025 in der Puttererseehalle in Aigen im Ennstal. https://raumberg-gumpenstein.at/jdownloads/Tagungen/Jaegertagung/Jaegertagung_2025/4jv_2025_Tagungsband%20gesamt.pdf

   
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